Besitzen Sie ein wertvolles
Gemälde? Vielleicht ist das Wertvolle daran unsichtbar.
Der Einsatz von Röntgenstrahlen in der Authentifizierung von
Kunstwerken ist nichts Besonderes mehr. Nicht nur lassen sich
mit ihrer Hilfe die Geheimnisse eines Gemäldes lüften - sie
helfen auch beim Beweis seiner Echtheit. Papierarten,
Materialien, Planskizzen, Änderungen in der Bildkomposition
und weitere Anhaltspunkte können mittels Röntgenstrahlen
entdeckt bzw. identifiziert werden, um die Beschaffenheit und
den Ursprung eines Kunstwerks zu erschließen.
Eine Röntgenanalyse vermag auch Aufschluss über Spuren von
Mineralien und Elementen in der Farbe zu geben. Es handelt
sich um Spuren zu Entstehungszeit und -ort des Gemäldes.
Beispielsweise zeigt diese Röntgenaufnahme von Vermeers „Mädchen
mit dem Perlenohrring”, dass Bleispuren in der benutzten Farbe
sind.

Vermeer, Mädchen mit dem Perlenohrring

Röntgenaufnahme von Vermeers „Mädchen mit
dem Perlenohrring”
Zu Zeiten Vermeers war Blei
der Hauptbestandteil weißer Farbe. Die hellen Flächen auf der
Röntgenaufnahme zeigen, an welchen Stellen der Künstler
Bleiweiß einsetzte und so den lichten Glanz schuf, für den
dieses Bildnis berühmt ist. Natürlich handelt es sich
unbestreitbar um einen Vermeer; doch bestätigt diese
Nachweistechnik, dass das Gemälde zu einer Zeit entstand, als
Bleiweiß in Gebrauch war.


Ein anderes Beispiel für den Einsatz von
Röntgentechnik bei einem berühmten Bild ist Pablo Picassos
Gemälde „Der alte Gitarrist” (1903). Die Röntgenaufnahme zeigt,
dass das Bild zunächst eine alte Frau mit geneigtem Haupt
darstellte. Zudem macht die Aufnahme den Kopf einer Kuh in der
rechten oberen Ecke sichtbar.
Während UV-Tests in normalen
Räumen durchgeführt werden können, bedarf die Röntgenanalyse
eines speziell ausgerüsteten Labors.
Kunstgutachter, die Gemälde authentifizieren und
identifizieren, nutzen Röntgenaufnahmen schon seit über 100
Jahren für ihre Arbeit. Der erste dokumentierte Einsatz dieser
Technik zur Authentifizierung eines Kunstwerks datiert aus dem
Jahr 1896 in Frankfurt/Main.
Doch wie funktioniert die Röntgenanalyse in der
Kunstauthentifizierung? Es ist eigentlich recht einfach.
Sicher hat ein Arzt schon einmal eine Röntgenaufnahme von
Ihnen gemacht. Damit haben Sie bereits ein Grundverständnis
des Vorgangs. Röntgenstrahlen bilden unterschiedliche
Schichten Ihres Körpers ab, die dem bloßen Auge verborgen
bleiben.
Der Kunstgutachter wendet zwei Arten von Röntgenstrahlen an:
Die Röntgenstereografie funktioniert im Prinzip wie die
medizinische Röntgenabbildung, bei der Röntgen-Autoradiografie
werden Partikel aus radioaktiven Zerfallsprozessen eingesetzt.
Beide Röntgenarten decken unterschiedliche Dinge in Gemälden
auf, die sonst unentdeckt blieben.
Wie in der Praxis Ihres Arztes durchdringen Röntgenstrahlen
verschiedene Schichten, doch anstelle von Muskeln, Sehnen und
Knochen sehen die Strahlen hier die verschiedenen
Farbschichten. Sie zeigen, wo Stellen ausgebessert oder
übermalt wurden.

Alter Mann, Röntgenaufnahme, Gemälde von
Mildred Peel, Öl auf Leinwand, 1904
Um ein neues Bild von den
Farbschichten zu erhalten, durchdringen die Strahlen das
Gemälde und erzeugen ein Negativ der dunkleren Gemäldeflächen
auf einem Film. Das kann man sich als eine umgekehrte
Fotografie vorstellen. Nachdem die Strahlen das Bild
durchdrungen haben, werden alte Farbschichten sichtbar und die
Untersuchung kann beginnen. Ist das, was man nun sieht,
konsistent mit den bekannten künstlerischen Vorbereitungen (Planskizzen)
und Farb-Auftragungstechniken des Künstlers? Ähnelt der
verborgene Bildaufbau dem vom Künstler bevorzugten Stil?
Um die „verborgenen Gemälde” zu entdecken, wendet der
Kunstforscher in seinem Labor eine bestimmte elektrische
Spannung an, die im Kilovoltbereich liegt. Die Höhe der
elektrischen Spannung ist dabei ein Maß für die Intensität des
Röntgenstrahls. Je höher sie ist, desto mehr wird von dem
Unterlegten sichtbar. Der Vorgang lässt sich mit der
Kontrastveränderung von Weiß nach Schwarz bei einem
Fernsehgerät vergleichen. Je mehr Kilovolt angewandt werden,
desto deutlicher wird das unterlegte Bild sichtbar. Man hat
gesagt, dass die angewandte Spannung quasi der Pinsel des
Radiografen ist, mit dem er das unterlegte Bild „malt”.
Die Zeit ist gleichfalls ein variabel einsetzbares Element des
Kunstgutachters bei Röntgenbelichtungen. Die Möglichkeit der
Über- oder Unterbelichtung bei einem Film in einer Kamera
besteht in gleicher Weise auch bei der Röntgenaufnahme. Eine
kurze Belichtungszeit legt die tiefsten Schichten offen. Je
länger die Dauer der Belichtung, desto näher an der Oberfläche
liegen die abgebildeten Schichten.
Kunstlabore nutzen eine Reihe von „weichen” Röntgenstrahlen,
die als Grenzstrahlen bekannt sind. Die Wellenlängen sind groß
und von schwacher Intensität, sie eignen sich besonders im
Rahmen von Echtheitsnachweisen. Grenzstrahlen lassen sich mit
einer Vorrichtung wie die „Radiolite Röntgenapparatur” von
Gilardoni erzeugen und bequem anwenden.

Apparatur zur Erzeugung weicher
Röntgenstrahlen „Radiolite” von Gilardoni
Anwender von Röntgengeräten
sollten den Sicherheitsabstand und alle weiteren
Sicherheitsvorschriften konsequent einhalten, um einer
möglichen Strahlenbelastung zu entgehen.
Die Röntgentechnik kann in der Kunstforschung manchmal
erstaunliche Dinge zu Tage fördern. Beispielsweise enthält das
Gemälde „Spanischer Grande” von El Greco eine Schicht mit dem
Ausschnitt eines Stilllebens.

El Greco, Spanischer Grande

Röntgenaufnahme Spanischer Grande
Ähnliches lässt sich von dem Rembrandt-Gemälde
„Tobias und der Engel” sagen. Die dargestellte Landschaft war
ursprünglich das Portrait eines Mannes.

Rembrandt, Tobias und der Engel

Röntgenaufnahme Tobias und der Engel
Durch die kombinierte
Anwendung von Morellischer Analyse, Erforschung der Dokumente
und Röntgenverfahren können Kunstgutachter die Echtheit eines
Gemäldes beweisen. Beispielsweise ist bekannt, dass die
meisten Künstler ihre Leinwand wieder verwenden würden. Das
übermalen zurückgewiesener Gemälde war gängige Praxis. Werden
im Rahmen einer Echtheitsuntersuchung weder Skizzen noch
Änderungen (pentimenti) oder Sonstiges unterhalb der
Oberfläche entdeckt, so schrillen beim Kunstgutachter alle
Alarmsirenen. Allerdings gibt es auch Maler, die ohne Skizze
zu Werke gingen. Allgemein lässt sich sagen: Eine perfekte
Bildkomposition (ohne Skizze) kann ein Hinweis darauf sein,
dass das Gemälde ein Duplikat oder eine Fälschung ist.


Röntgenaufnahme und Gemälde in Vergleich. Es
handelt sich um die „Ansicht von Picksgrill Harbor, Dusky Bay”
von Hodges. Man erkennt eine komplett andere Landschaft auf
der unterlegten Schicht. Ursprünglich waren Eisberge
abgebildet, das fertige Gemälde stellt ein ganz anderes Klima
dar.
Ein ausgebildeter
Kunstgutachter mit einem gut trainierten Auge vermag Stile und
Techniken anhand von Röntgenaufnahmen zu unterscheiden.
Röntgenaufnahmen eignen sich besonders gut für die
Untersuchung von Gemälden auf hölzernem Untergrund.
Von Röntgenstrahlen zu anderen forensischen Testverfahren über
systematische, empirisch-vergleichende Methoden bis zu
Nachforschungen in Archiven und Bibliotheken - wir setzen alle
verfügbaren Mittel für die Authentifizierung von Gemälden ein.
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