Forensische Analyse

 

Von Hans H. Buhr

Ein Gemälde lässt sich durch eine kombinierte forensische und stilistische Analyse (Morellische Analyse) authentifizieren.

Ganze Bände sind über die Feinheiten der forensischen Analyse von Gemälden geschrieben worden, daher können wir hier nur die Grundlagen wissenschaftlicher Analysewerkzeuge und ihre Kombinationsmöglichkeiten mit den Methoden Morellis zur Gemälde-Authentifizierung vorstellen.

Die forensische Wissenschaft in der Kunstforschung befasst sich mit Besonderheiten in der chemischen und physischen Beschaffenheit eines Gemäldes. Sie untersucht die Bestandteile der Farbe, die chemische Zusammensetzung der Leinwand oder Tafel sowie Markierungen unterhalb der Farbschicht. Die Analyse solcher Besonderheiten liefert entscheidende Hinweise auf den Aufbau, die Herkunft und das Alter eines Kunstwerks.

Die Wissenschaft nähert sich der Kunst auf einem Weg, der jenem des Kunstkenners entgegengesetzt ist. Dieser tendiert generell dazu, das künstlerische Gesamtwerk auszuweiten. Die kriminaltechnische Herangehensweise zielt dagegen darauf ab, Fälschungen aus dem Opus auszuschließen. Sie handelt gewissermaßen nach dem Grundsatz „Schuldig bis zum Beweis des Gegenteils” und betrachtet ein Kunstwerk so lange als Fälschung, bis erwiesen ist, dass seine charakteristischen Merkmale bestimmte Standards erfüllen.

Die forensische Wissenschaft kann alle Bestandteile eines Kunstwerks untersuchen - seine chemische Beschaffenheit, das Alter der Leinwand, des Papiers oder der Tafel, die chemische Struktur seiner Farbe sowie deren Bindemittel. Beispielsweise kann ein Wissenschaftler ein Gemälde, das als Tizian aus dem 16. Jahrhundert ausgegeben wird, als Fälschung entlarven, wenn es den Farbstoff Zinkweiß enthält, der erst ab 1780 verwendet wurde.

Grundsätzlich gibt es zwei Arten der forensischen Analyse. Die eine bedient sich fotografischer Techniken und setzt Röntgenstrahlen, ultraviolettes und infrarotes Licht ein. Sie ist die am weitesten verbreitete Analysemethode. Ihre Schwäche besteht darin, dass sie keine Einzelbestandteile und Extrakte des Gemäldes untersuchen kann.

Infrarotstrahlen dringen bis unter die Farbschicht und reflektieren unmittelbar darunter liegende Markierungen und Zeichnungen. In den Werken Alter Meister finden sich häufig derartig unterlegte Zeichnungen, die als eine Art Plan für das Gemälde direkt auf die Leinwand aufgetragen wurden. Ihre Untersuchung und der stilistische Vergleich mit dem Gemälde tragen zur Authentifizierung bei. Mit Infrarotstrahlen lassen sich auch dem bloßen Auge nicht erkennbare authentische Signaturen aufspüren und solche Signaturen entdecken, die erst Jahre nach Fertigstellung eines gefälschten Gemälde hinzugefügt wurden.

Die Röntgenuntersuchung nutzt kurzwellige Strahlen und liefert Hinweise auf nachträgliche Änderungen im Gemälde. Sie bietet außerdem Indizien für die verwendeten Farbtypen. Röntgenstrahlen spüren solche Gemäldeabschnitte auf, die repariert oder geändert worden sind. Beispielsweise kann man mit Röntgenstrahlen eine Signatur, die erst nach Vollendung des Bildes hinzugefügt wurde, als gefälscht enttarnen. Diese Methode ist auch bei der Identifizierung bestimmter Farbpigmente einschließlich Bleiweiß und Bleizinngelb einsetzbar, die Röntgenstrahlen absorbieren.

Da ein Kunsthistoriker weiß, ab wann diese Farben eingesetzt wurden, wirft ihr Nachweis in einem Kunstwerk ein Licht auf dessen Entstehungszeit. Diese Techniken lassen sich mit der UV-Licht-Analyse koppeln, um reparierte Gemäldeflächen („Inpainting”) aufzuspüren, die manchmal hilfreich bei der Identifizierung von Farbpigmenten sind.

Röntgen-, UV- und Infrarotstrahlen sind bei der Untersuchung von Gemälden unverzichtbare Werkzeuge; gleichwohl ermöglicht nur ihre Kombination mit weiteren Tests eine professionelle Begutachtung eines Kunstwerks. Beispielsweise eignet sich die Röntgenanalyse für den Nachweis bleihaltiger Pigmente, doch lässt sich damit nicht der genaue, mengenmäßige Bleigehalt der Farbe ermitteln. Außerdem versagen die fotografischen Verfahren bei der Analyse organischer Materialien wie organischen Zusätzen als Farbbindemittel.

Die Untersuchung von Gemälden durch fotografische Methoden allein, ohne diese mit weiteren forensischen Techniken oder der Morellischen Methode zu vervollständigen, kann ziemlich ernüchternd sein. Ein Kunstforscher könnte etwa aussagen, dass die Röntgenanalyse die Existenz von Bleiweiß in einem Gemälde bewiesen habe und es daher eine Renaissancearbeit aus Venedig sein müsse. Er vermag jedoch mit fotografischen Verfahren allein nichts über die in dem Gemälde verwendete Menge dieses Farbpigments auszusagen, doch gerade diese ist spezifisch für die dem Werk zugeordnete Kunstepoche. Eine adäquate forensische Untersuchung muss Proben des Werks nehmen und sie analysieren.

Die zweite und effektivere wissenschaftliche Methode extrahiert und analysiert Proben eines Gemäldes. Die fortgeschrittenste Methode basiert auf der Totalreflektions-Röntgenfluoreszenz-Analyse (TXRF). Sie setzt Röntgenstrahlen für die Untersuchung von Pigmentproben eines Gemäldes ein. Die Probe wird gewonnen, indem man mit einem Baumwolltupfer über die Gemäldeoberfläche streicht, sodass also keinerlei Schaden am Gemälde entsteht. Anschließend bringt man die Pigmentprobe auf eine Glasplatte auf und setzt sie intensiver Röntgenbestrahlung aus. Die Moleküle der Farbbestandteile werden angeregt und senden eine Sekundärstrahlung (die „Fluoreszenz”) aus, die typisch und einzigartig für jeden Bestandteil der Pigmentprobe ist. Der Forscher kann mithin eindeutige Rückschlüsse auf ihre elementare bzw. molekulare Zusammensetzung ziehen.

Laut Aussage des Forschers R. Klockenkamper et al „kann eine Charakterisierung der Pigmente helfen, dem Gemälde ein wahrscheinliches Entstehungsdatum zuzuschreiben.” Denn jeder Farbtyp hat eine ganz bestimmte individuelle chemische Zusammensetzung, die auf die Zeit seiner erstmaligen Verwendung verweist. Preußischblau beispielsweise hat die chemische Formel Fe4(Fe(CN)6)3 und wurde von Malern nicht vor 1725 verwendet. Enthält ein Rembrandt zugeschriebenes Gemälde Preußischblau, so kann es deswegen sofort als Fälschung zurückgewiesen werden.

Die TXRF unterscheidet sich von den „oberflächlichen” fotografischen Verfahren der gewöhnlichen Röntgen-, Infrarot- und UV-Analyse, weil sie im Gegensatz zu diesen eine wirkliche Probe nimmt und diese aggressiv analysiert. Ihr Ergebnis ist demzufolge ein detaillierter forensischer Bericht über das chemische Profil eines Gemäldes, der weit über die Resultate der fotografischen Verfahren hinausgeht.

Es gibt noch weitere aggressive forensische Analysetechniken, die Gemäldeproben benötigen (z.B. Farbspäne). Diese Methoden sind sehr effektiv, gelten vielen Galerien und Museen jedoch als nicht akzeptabel, da sie das Werk geringfügig beschädigen. Beispiele dafür sind die Atomabsorptionsspektroskopie (AAS) und die induktiv gekoppelte Plasmaspektroskopie (ICPS). Sie werden genutzt, um in Gemälden/Materialien chemische Anomalien aufzuspüren, die nicht die Standards der Epoche und des Entstehungsorts des Bildes erfüllen. In beiden aggressiven Analyseverfahren wird etwas Farbe abgeschabt und verbrannt, um ihr Harz analysieren zu können. Wie bei der Röntgen-Fluoreszenz-Spektroskopie auch detektieren AAS und ICPS die elementaren und molekularen Farbbestandteile und erlauben den Schluss, ob die Farbe erst nach dem vermuteten Entstehungsdatum des Werkes hergestellt wurde.

Andere Tests schließen die Untersuchung kohlenstoffbasierter Binder wie Öl und Leim im Farbmedium ein und erlauben eine Datierung nach der aus anderen Gebieten wie der Archäologie bekannten C14-Methode. Wissenschaftler haben zudem eine neue Methode entwickelt, die die genaue Bestimmung des Alters der Farbschicht selber ermöglicht. Das war zuvor mit dem C14-Test aufgrund der vielen Verunreinigungen in der Farbe nicht durchführbar.

Ein weiteres wichtiges aggressives Datierungsverfahren ist eine Weiterentwicklung der Radiokarbonmethode, die die kurze Reichweite von 250 Jahren des Blei-Isotopen-Tests überschreitet. Sie wurde von einem Wissenschaftlerteam entwickelt, zu dem auch Marian Hyman, John Russ und Professor Marvin Rowe gehörten:

„Die Technik kann Piktografien datieren, deren Farbe aus unterschiedlichsten organischen Bindemitteln wie Blut, Urin, Honig und vielen anderen natürlichen Stoffen zwecks Zusammenbindung der Pigmente besteht. Die neue Technik trennt die organischen von den nicht-organischen Verunreinigungen, die die Alterbestimmung verzerren. Um die organische Kohlenstoffquelle zu isolieren, behandelt der Forscher die Probe mit einem auf Sauerstoff basierenden Plasma. Es reagiert ausschließlich mit dem organischen Kohlenstoffanteil der Farbe, da der Kohlenstoff im nicht-organischen Gestein bereits voll oxidiert und in einem stabilen Zustand ist. Die Reaktion des Plasmas mit dem organischen Kohlenstoff führt zu gasförmigem Kohlendioxid, das als Trockeneis gefüllt und dann mit Hilfe eines Massenspektrometers, das die Anzahl der radioaktiven mit den stabilen Kohlenstoffisotopen in der Probe vergleicht, datiert wird. Im ersten Versuch ließ sich mit dieser Technik das Alter piktografischer Fragmente auf 3865 Jahre (+/- 100 Jahre) bestimmen.”

Wissenschaftler können diese Methode mit DNA-Analysen organischer Materialien in Gemälden kombinieren - von Nussölen über Pinselhaaren bis hin zu Leinwandfasern und Eigelb - und sie bis zu ihrem Herkunftsort zurückverfolgen. Die Dendrochronologie (Jahresringforschung) kann das Alter bestimmter Leinwandfutter ermitteln.

Es gibt zahlreiche weitere wissenschaftliche Testverfahren, die vorzustellen hier der Platz nicht ausreicht. Interessierten sei das Buch „The Scientific Detection of Forgeries” (1975) von S. J. Fleming empfohlen.

Morellische Analyse

Zur umfassenden Analyse eines Kunstwerks gehört neben der forensischen Untersuchung auch eine stilistische, welche sich der Morellischen Methode bedient. Dabei handelt es sich um eine empirisch-vergleichende Methode, die Gemälde werkkritisch einzelnen Künstlern zuschreibt und Fälschungen entlarvt. Sie wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts von dem Arzt und Kunstsammler Giovanni Morelli entwickelt. Als systematische Zuschreibungsmethode versucht sie zwischen den Künstlern und Malwerkstätten durch Auffinden individuell-typischer oder sich wiederholender stilistischer, oft nebensächlicher Details in ihren Werken zu unterscheiden.

Morelli erkannte, dass sich bei einem Künstler, der ein bestimmtes Niveau der Könnerschaft errungen hat, eine Art individueller Formelhaftigkeit in der Kreation seiner Figuren einstellt. Sie bewahrt eine Konsistenz über das ganze Künstlerleben hinweg, und zwar auch dann, wenn sich sein Stil fortentwickelt. Ein genaues Studium dieser sich wiederholenden Details ermöglicht die Identifizierung und systematische Erfassung der formalen Eigentümlichkeiten. Dem Forscher fällt es damit leichter, die Handschrift eines bestimmten Künstlers in einem Gemälde zu identifizieren, etwa so wie der Detektiv durch einen Fingerabdruckvergleich einen Tatverdächtigen überführt. Hinweise auf den Künstler finden sich in der Ausführung kräftiger wie feiner Pinselstriche oder wie er die Farben einsetzt, um beispielsweise Deatails wie Augen, Krägen oder Pflanzen darzustellen. Die Merkmale eines Gemäldes werden dann mit dem spezifischen, visuellen „Detailverzeichnis” des als Schöpfer dieses Gemäldes vermuteten Künstlers verglichen. Die Morellische Methode ähnelt der Graphologie, die als Beweisverfahren vor Gericht zulässig ist.

Obgleich die Morellische Methode manchmal als wissenschaftliche Technik angesehen wird, hängt sie bis zu einem gewissen Grad von der Erfahrung des Anwenders ab.

Die Kombination der zuvor beschriebenen wissenschaftlichen Verfahren mit der Morellischen Methode führt zu einem Authentifizierungsverfahren mit hoher Treffsicherheit. Die forensischen Techniken geben Aufschluss über Alter, Herkunft, Aufbau und die verwendeten Materialien eines Kunstwerks. Mit ihnen lassen sich die Herkunftsregion und die Malwerkstatt ermitteln und jede nachträglich am Kunstwerk vorgenommene Änderung aufdecken. Ein fähiger Morelli-Gelehrter (oder besser: ein fähiges Morelli-Team) kann dann die stilistischen Feinheiten des Gemäldes mit dem visuellen Verzeichnis der Malwerkstatt, aus der es stammen soll, abgleichen.

Die vielleicht erfolgreichste kombinierte Echtheitsuntersuchung, bestehend aus Morellischer Methode und forensischen Tests, wurde im Zusammenhang mit dem Rembrandt-Forschungsprojekt (englisch RRP) durchgeführt. Hierzu einige Hintergrundinformationen:

Ins Leben gerufen wurde das Projekt von dem Kunsthistoriker Bob Haak, der im Jahr 1956 mit der Vorbereitung der Jubiläumsausstellung im holländischen Rijksmuseum anlässlich des 350sten Geburtstages Rembrandts beauftragt war. Haak ärgerte sich über die unterschiedlichen Zahlenangaben der Rembrandt zugeschriebenen Werke und hatte enorme Schwierigkeiten, sie chronologisch zu ordnen. Seine Schlussfolgerung: Vieler der „echten” Rembrandts mussten Fälschungen sein!

Der Kunsthistoriker Gary Schwartz zitiert Haak mit der Bemerkung: „Ein Mann allein könnte nicht so viele unterschiedliche Bilder zur selben Zeit geschaffen haben.” Haak gründete mit vier weiteren Kunsthistorikern einen Ausschuss, der von Joos Bruyn, Professor für Kunstgeschichte an der Universität von Amsterdam, geleitet wurde. Der Ausschuss sollte die Gesamtheit der Rembrandt zugeschriebenen Werke einer unabhängigen Neuberwertung unterziehen und wurde von der holländischen Regierung ab 1968 finanziell unterstützt.

Der Arbeitsaufwand des Ausschusses war immens. Seit seiner Gründung hat er drei Bände herausgebracht, die 17 Jahre Rembrandtschen Schaffens und seine weltweit etwa 900 Werke dokumentieren. Bisher hat der Ausschuss rund 600 „Rembrandts” neu zugeschrieben. Eines seiner berühmtesten Werke, „Mann mit Goldhelm” im Berliner Museum wurde nach einer kombinierten Echtheitsprüfung bestehend aus Morellischer Methode und forensischen Tests als Fälschung entlarvt. Dieses Gemälde ist möglicherweise das am häufigsten reproduzierte Bild der vergangenen 200 Jahre. Der Ausschuss konnte das Berliner Exemplar als Fälschung aus dem 18. Jahrhundert zuordnen.

Zurückgezogen wurden auch der „Polnische Reiter” aus der Frick-Sammlung und der „Mann mit rotem Bonnet” aus dem Rotterdamer Museum sowie das Portrait „Cornelia Pronck” im Louvre und der „Barmherzige Samariter” aus der Londoner Wallace-Sammlung. Besonders peinlich war die Zurücknahme des Portraits, das Rembrandts Mutter darstellt, in der Sammlung der Englischen Königin. Dies ist nur eine Aufzählung der bekanntesten durch den Ausschuss aufgedeckten Fälschungen.

Ohne Verifizierung durch forensische Tests und Morellische Methode kann ein Gemälde nicht als echt angesehen werden.
 

 
   
 
 
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