Kennerschaft

 

Kennerschaft bedeutet eine kultivierte Wertschätzung von Qualität und Meritum.

Im Grunde handelt es sich um eine emotionale Reaktion auf Kunst - die einen empfinden diese Reaktion, die andern nicht.

Einige Menschen durchleben beim Lesen von Gedichten oder beim Hören von Musik emotionale Achterbahnfahrten, während andere so etwas gleichgültig lässt oder sogar langweilt. Genau so verhült es sich mit dem Betrachten eines Gemäldes oder einer Skulptur.

Wahre Kunstkenner („Connaisseure”) sind Menschen, die auf Kunst mit großer Sensibilität reagieren. Sie erkennen Zwischentöne, Qualitäten und Defizite in einem Kunstwerk, eine Fähigkeit, die dem Rest von uns abgeht. Die emotionale Bewegung eines Kunstconnaisseurs beim Anblick echter Kunst ließe sich mit dem Klang eines Kristallringes vergleichen, der im Gegensatz zu dem stumpfen und kurzen Ton gewöhnlichen Glases langsam und wunderschön anzuhören verebbt.

Wegen ihres großen Interesses an Kunst sind Connaisseure stets bewandert in Kunstgeschichte, Kunstsammlungen und den Leben der Künstler.

Dennoch: Eine Universität besuchen und in Kunstgeschichte graduieren kann fast jeder, reines Faktenwissen macht noch keinen wahren Kunstkenner aus, es formt lediglich den Schulbuchgelehrten.

Das unterscheidet sich nicht allzu sehr von Golf- oder Tennisunterricht. Fast jeder kann ein passabler Vereinsspieler werden, doch um zu spielen wie ein Profi bedarf es dieser besonderen Zutat, die wir Talent nennen, eine natürliche Gabe.

Aus diesen Gründen wird echte Kennerschaft sowohl verherrlicht als auch verteufelt.

Die höchste Auszeichnung in der Welt der Kunst ist es, als jemand mit einem „großen Auge” für Kunst bezeichnet zu werden. Jeder Kunsthändler, Kunstkritiker, Sammler und Auktionator wäre gern als jemand mit dem „großen Auge” für Kunst bekannt. Das bedeutet: Er (oder sie) ist ein Connaisseur, hat eine Fähigkeit, die nicht von einem Prof.-Dr.-Titel herrührt und sich nicht auf dem Lesen tausender von Büchern gründet, sondern die stattdessen in einem tiefen Verständnis von Kunst wurzelt. Es schließt die Gabe ein, zwischen dem, was wirklich groß, und dem, was bloß gut ist, unterscheiden zu können; das Talent, die Hand des Meisters im Gegensatz zu denen seiner Imitatoren erkennen zu können.

In den Tagen, bevor es Kunstbücher zu allem und jeden gab, Röntgenstrahlen für die Erforschung von Gemälden, und Millionen von Fotos, verließen sich diese feinsinnigen Kunstkenner nur auf ihre Augen und ihr Gedächtnis, um die edelsten Gemälde zu verlesen, zu vergleichen und zu klassifizieren und die Schöpfer tausender unsignierter alter Meisterwerke zu bestimmen.

Ganz ähnlich waren es immer wahre Kunstkenner, die die Qualität und die Meriten von Pionieren wie seinerzeit den Impressionisten als erste erkannten und zahllose begabte, neue Künstler entdeckten, die allesamt in den frühen Tagen ihres Schaffens abgelehnt wurden.

Heute sind wir mit ganzen Armeen von graduierten Kunsthistorikern konfrontiert, deren Wissen ausschließlich aus Büchern stammt und die ihr Auge durch das Anschauen postkartengroßer Reproduktionen geschult haben. Die meisten von ihnen haben absolut kein Gespür für Qualität und Meritum, können armselige Fälschungen nicht von den Originalen unterscheiden.

Wie sonst soll man erklären, dass Fälschungen wie niemals zuvor den Markt überschwemmen, und dass 15 Prozent aller Gemälde berühmter Künstler, von Galerien verkauft oder auf Auktionen versteigert, unverblümte Fälschungen sind?

Alle paar Jahre hören wir erneut von einem weiteren verhafteten Fälscher, der hunderte gefälschter Gemälde bedeutsamer Meister verkauft hat. Wohin wanderten all diese Fälschungen? Sie wurden von Kunstgalerien und Auktionshäusern verkauft. Einige landeten in Museumssammlungen. Woran liegt es, dass niemand die gefälschten Serien aufspürt, wenn die erste, zweite und dritte auf den Markt kommt? Zum Teil deswegen, weil es einen Mangel an wirklichen Kunstkennern gibt und totes Bücherwissen die kultivierte Wertschätzung von Qualität und Meritum verdrängt hat.

Kennerschaft wird verächtlich gemacht, weil die Zahl derer Legion ist, die auf dem Kunstmarkt Karriere machen und dabei keine mediokre Fälschung von einem genuinen Meisterwerk unterscheiden können.

Bernard Berenson, einer der größten Kunst-Connaisseure, ist posthum attackiert und kritisiert worden, weil er Provisionen von dem legendären Händler Duveen angenommen hat. Was seine Kritiker jedoch zu erwähnen versäumen ist die Tatsache, dass all die Kunstwerke, die Berenson amerikanischen Millionären zum Kauf empfohlen hatte, echte Meisterwerke waren. Er identifizierte sie als solche nur aufgrund seines Urteilsvermögens, seiner Kennerschaft, und tatsächlich gehören diese Bilder heute zu den Kronjuwelen in amerikanischen Sammlungen.

Die Ablehnung von Kennerschaft - die außergewöhnliche Fähigkeit einiger Menschen, wahre Kunst zu erkennen - ist einer der unerklärlichen blinden Flecken in unserem ach so erleuchteten Zeitalter.

Wir von Artexperts glauben jedenfalls fest an diese besondere Fähigkeit, Kunst zu beurteilen, sie wertzuschätzen und feinsinnig auf sie zu reagieren - die einen besitzen sie mehr als andere.

Die Meinung des echten Kunstkenners ist für uns unschätzbar wertvoll in der Echtheitsbestimmung von Kunstwerken. Wir nutzen sie neben kunsthistorischer Forschung, Herkunftsuntersuchungen, vergleichender Analyse und naturwissenschaftlichen Ansätzen.
 

 
   
 
 
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